Internationales Militärtribunal für den Fernen Osten (Tokio)
Nach der Kapitulation Japans wurde auch in Fernost ein Internationales Militärtribunal zur Verurteilung der Hauptkriegsverantwortlichen eingerichtet. Angeklagt waren insgesamt 28 ehemalige japanische Generäle und Politiker wegen der agressiven und expansiven Kriegspolitik Japans vor und während des Zweiten Weltkrieges. Kaiser Hirohito wurde nicht angeklagt: Offizieller Grund war, dass er nur eine von den Militärs kontrollierte Marionettenfigur war. Zudem wurde in einem Verfahren gegen den Kaiser eine Bedrohung der fragilen Stabilität in Japan befürchtet.
Das Statut enthielt fast wortwörtlich die selben Straftatbestände wie das Statut des Nürnberger Gerichts. Eine Besonderheit war, dass die „Tokioter Verbrechen“ alle das „Verbrechen gegen den Frieden“ beinhalten mussten. Die Rechtsgrundlage des Tokioter Tribunals, die Zusammensetzung des Gerichts und der Anklagebehörde wie auch das Verfahren an sich wurden aus rechtsstaatlicher Sicht heftig kritisiert und entsprachen weitgehend den Einwänden gegen den Nürnberger Gerichtshof. Kritikpunkte waren u.a. die Rechtsform des Statuts, welches nicht einen völkerrechtlichen Vertrag, sondern bloss einen Erlass des Oberbefehlshabers der alliierten Streitkräfte (MacArthur) darstellt; sowie die mangelhaften Verteidigerrechte, die europäischen Standards nicht genügten. Der Gerichtshof setzte sich aus 11 Richtern zusammen, die keine Stellvertreter hatten. Im Gegensatz zu Nürnberg, wo die Allierten Mächte je einen Ankläger stellten, die gleichwertig waren, führten in Tokio die Vereinigten Staaten die Anklage, während die anderen Staaten nur assistierten (Chefankläger war Joseph B. Keenan).
Der Tokioter Prozess endete mit der Verurteilung aller Angeklagter. Sieben Angeklagte wurden zum Tode verurteilt, die meisten anderen zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen.
Angeklagter Funktion Urteil
Hideki Tojo General, Ministerpräsident, Generalstabschef Todesurteil þ
Akira Muto Generalleutnant Todesurteil þ
Seishiro Itagaki General Todesurteil þ
Iwane Matsui General Todesurteil þ
Heitaro Kimura General Todesurteil þ
Kenji Doihara General, Chef der Spionageabwehr in der Mandschurai Todesurteil þ
Kouki Hirota Ministerpräsident, Aussen-minister, Botschafter in der Sowjetunion Todesurteil
Osami Nagano Admiral vor Prozess-beginn gestorben Kingoro Hashimoto Oberst lebenslange Haft Takazumi Oka Vizeadmiral lebenslange Haft Kenryo Sato Generalleutnant lebenslange Haft Jiro Minami General, General-gouverneur von Korea lebenslange Haft Shigetaro Shimada Admiral, Marineminister lebenslange Haft Shunroku Hata Generalfeldmarschall lebenslange Haft Sadao Araki General, Kriegsminister lebenslange Haft Hiroshi Oshima Generalleutnant, Botschafter in Deutschland lebenslange Haft Yoshijiro Umeza General, Kommandant der Kantonarmee lebenslange Haft Naoki Hoshino Kanzleidirektor der Mandschurei lebenslange Haft Kuniaki Koiso General, General-gouverneur Koreas, Ministerpräsident lebenslange Haft Teiichi Suzuki Generalleutnant, Chef des Planungsamts lebenslange Haft Kiichiro Hiranuma Ministerpräsident lebenslange Haft Kouichi Kido Kaiserl. Siegelbewahrer, Kultur-, Sozial- und Innenminister lebenslange Haft Okinori Kaya Finanzminister lebenslange Haft Shigenori Togo Aussenminister, Botschafter in der Sowjetunion und in Deutschland 20 Jahre Haft Toshio Shiratori Botschafter in Italien lebenslange Haft Mamoru Shigemitsu Aussenminister, Botschafter in England 7 Jahre Haft Shumei Okawa Ultranationalist, Führer der Kriegstheorie Verfahren aus gesundheitlichen Gründen eingestellt Yousuke Matsuoka Aussenminister, Vertreter beim Völkerbund vor Prozess-beginn verstorben
Quelle der Übersicht: http://de.wikipedia.org/wiki/Tokioter_Prozesse
• Statut des Tribunals (englisch): http://www.yale.edu/lawweb/avalon/imtfech.htm
• Verfahrensordnung (englisch): http://www.yale.edu/lawweb/avalon/imtferul.htm
• Literatur:
o Tim Maga, Judgement at Tokyo, The Japanese War Crimes Trials, The University Press of Kentucky, 2000.
o Arnold Brackman, The Other Nuremberg: The Untold Story of the Tokyo War Crimes Trials; William Morrow & Co; Reissue edition, 1988.
o Yuki Tanaka, Hidden Horrors: Japanese War Crimes in World War, Westview Press, 1998.
Prozesse ausserhalb Japans oder Tokios
Während die ganze Welt ihre Augen auf den Hauptkriegsverbrecherprozess in Tokio richtete, fanden im ganzen asiatischen Raum zahlreiche andere Verfahren vor Kriegsgerichten oder militärischen Kommissionen gegen japanische Kriegsverbrecher statt. Ingesamt wurden um die 5600 Japaner in mehr als 2200 Prozessen strafrechtlich verfolgt. Mehr als 4400 Personen wurden schuldig gesprochen, ca. 1000 wurden in der Folge hingerichtet. Zu Gericht sassen die Vereinigten Staaten, Grossbritannien, Australien, Neuseeland, die Niederlande, Frankreich, die Philippinen und China. Die Prozesse vor sowjetischen Tribunalen wurden zu anti-westlicher Propaganda missbraucht (und sind in obiger Aufzählung nicht mitgezählt).
Japan: In Japan selbst, insbesondere in Yokahoma, fanden eine Reihe weiterer Prozesse statt, die vor allem vom amerikanischen Militär geführt wurden. Im sog. „Hell Ship-Fall“, bei welchem 1300 Gefangene den Tod fanden, wurden der Kommandant und sein Übersetzer zum Tode verurteilt, vier andere zu Gefängnisstrafen. Im Mittelpunkt mancher Verfahren standen Mitglieder der Kempeitai, der Geheimpolizei Japans.
Philippinen: 215 Japaner hatten vor militärischen Kommissionen zu erscheinen, 20 wurden frei gesprochen und 92 zum Tode verurteilt. China: Prozesse vor US-amerikan. Kommissionen: Ähnlicher Umfang wie auf den Philippinen, aber weniger Todesstrafen.
China selber klagte mehr als 800 Personen an, davon wurden 500 verurteilt (149 zum Tode).
Pazifische Inseln: U.a. Verfahren der US-Navy auf den Marshall-Inseln und auf Guam (44 Angeklagte). Enge Zusammenarbeit mit britischen, australischen und indonesischen Behörden. 19 Japaner wurden in Truk wegen einer Reihe medizinischer Experimente angeklagt. Elf Personen wurden auf der Wake Island wegen Mordes an 98 PanAmerican Airlines-Mitarbeitern verurteilt.
Britische Verfahren fanden in ganz Ostasien statt: auf der Malayischen Halbinsel, in Borneo, Rangoon und Singapore. Besonderes Aufsehen erregte der sog. „River Kwai-Fall“: Dabei wurden 600 von 2000 Gefangenen ermordet, die mit dem Bau der Eisenbahnlinie Burma-Siam beschäftigt waren. Zwei Angeklagte wurden zum Tode verurteilt, andere zu langen Freiheitsstrafen.
Australische Gerichte erstellten eine detaiilierte Liste mit 35 Straftatbeständen. Neben Kriegsverbrechen, Verbrechenen gegen den Frieden und die Menschlichkeit waren auch „Kannibalismus“ und „Leichenschändung“ aufgeführt. Die Australier führten (neben anderen) den grössten Nachkriegsprozess durch: 93 Japaner waren wegen Gräueltaten an amerikanischen, australischen und niederländischen Gefangenen angeklagt.
Frankreich verurteilte mehrere Hundert Angeklagte, davon einige wegen erzwungener Prostitution.
Die Niederlande führten ebenfalls Hunderte von Verfahren durch.
Quelle: Robert Barr Smith, Justice under the Sun: Japanese War Crime Trials, http://www.freerepublic.com/forum/a36b65c5e0c1a.htm; u.a. |