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Das Recht im Dienst der Opfer schwerster Verbrechen

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Last modified on: 19.08.2014

Verfahen in der Schweiz

Die Schweizer Behörden haben sich unter anderem mit Fällen aus folgenden Ländern befasst:

Nazi Deutschland+

Nazi Deutschland

Der Schweizer Ernst Haldiman hatte sich im November 1942 der SS in Frankreich angeschlossen. Seine Einheit wurde 1944 mit weiteren SD-Einheiten zum SS-Kommando Nr. 8 für Spezielle Aufgaben zusammengelegt.

Am 22. Dezember 1994 wurde mit der deutschen Ardennen-Gegenoffensive das Dorf Bande zurückerobert.

Am Heiligabend begann eine Einheit des deutschen SD (Sicherheitsdienst) alle Männer im Dorf festzunehmen. Einer nach dem anderen wurde ins Innere geführt und durch einen SD-Soldaten mit einem Nackenschuss hingerichtet. 34 Männer zwischen 17 und 32 Jahren wurde auf diese Weise umgebracht.

Ernst Haldiman wurde als Mitglied des Exekutionskommandos identifiziert.

Nach dem Krieg wurde Ernst Haldiman zu einer Zuchthausstrafe von 20 Jahren verurteilt.

Bosnien-Herzegowina+

Bosnien-Herzegowina

Die Genfer Polizei hatte den Serben G.G. aus Bosnien, welcher der Verletzung des Kriegsrechts und des Kriegsgewohnheitsrechts (Art. 109 Militärstrafgesetz) verdächtigt wurde, festgenommen und in Untersuchungshaft versetzt. Ihm wird vorgeworfen, im Sommer 1992 in den Lagern von Omarska und Keratem mehrere Inhaftierte geschlagen oder in ihrer Würde verletzt zu haben.

Am 18. April 1997 hat ihn das Militärgericht der Division 1 mangels Beweisen freigesprochen. Das Urteil finden sie hier (in französisch).

Kroatien+

Kroatien

Eine kroatische Kriegsverbrecherin, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht wurde, ist im November 2001 am Flughafen Zürich-Kloten festgenommen und anschliessend an Kroatien ausgeliefert worden. Sie war in Kroatien bereits 1998 zu zwanzig Jahren Zuchthaus verurteilt worden, weil sie zusammen mit anderen die Einwohner eines Dorfes nach einem Angriff gezwungen hatte, ihre Verstecke zu verlassen. In der Folge wurden 43 Personen durch Kugeln getötet oder von Panzerfahrzeugen überfahren.

Vergleiche dazu die Pressecommuniqués des Bundesamtes für Polizei betreffend ihrer Verhaftung und Auslieferung.

                                                            *

In der Nacht vom 16. auf den 17. November 2005 wurde am Grenzposten Nickelsdorf (Österreich) bei einer Routinekontrolle ein 48jähriger kroatischer Staatsangehöriger mit Schweizer Aufenthaltsbewilligung aufgrund eines internationalen Haftbefehls wegen Völkermordes verhaftet.

Besetztes Frankreich+

Besetztes Frankreich

Maurice Papon war von 1942 bis zur Befreiung Frankreichs Generalsekretär des Bezirks der Gironde, und in dieser Funktion für alle Angelegenheiten betreffend die Juden verantwortlich.

Als Folge der Einreichung mehrerer Klagen von Familien von Verschleppten wurde der ehemalige Vichy-Funktionär am 2. April 1998 von der Cour d’Assises de la Grionde wegen Beteiligung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. Das Gericht befand, dass Papon zwischen Juli 1942 und 1944 acht Zugkonvois zwecks Verschleppung von 1560 Personen via Dancy nach Bergen-Belsen und Auschwitz organisiert hatte.

Papon legte Beschwerde ein. Da er sich am Tag vor der Prüfung seiner Beschwerde nicht im Gefängnis gemeldet hatte, wie es das französische Recht verlangt, wurde auf seine Eingabe nicht eingetreten. Maurice Papon beschloss folglich, das Land zu verlassen und in der Schweiz Zuflucht zu suchen. Er wurde rasch entdeckt. Am 22. Oktober 1999 entschied der Bundesrat, Papon nach Frankreich auszuweisen.

Irak+

Irak

Barzan al-Tikriti, ein Halbbruder von Saddam Hussein, war während mehrerer Jahre Botschafter seines Landes bei den Vereinten Nationen in Genf. Er steht unter schwerem Verdacht, 1983 als damaliger Chef des Geheimdienstes an der unbarmherzigen Repression gegen den Stamm der Barzani teilgenommen zu haben, die mehrere tausend Menschenleben gefordert hat.    

Gemäss der Organisation Indict ist er auch verantwortlich für die vom Geheimdienst angewandte systematische Folter, inklusive Vergewaltigung und die Unterdrückung und Verschleppung von ethnischen und religiösen Minderheiten zwischen 1979 und 1983. Da al-Tikriti in der Schweiz Familienangehörige hat, ist er in den letzten Jahren mehrmals zurückgekehrt.

Am 28. September 2001 reichte ein irakischer Flüchtling Straganzeige gegen ihn ein. Die Bundesstaatsanwaltschaft trat mit Verfügung vom 12. November 2002 (in Französisch) nicht auf die Anzeige ein. Sie zog unter anderem in Erwägung:

- dass die Schweizer Behörden nach dem Weltrechtsprinzip nur zuständig seien, wenn sich der Urheber eines im Ausland begangenen Verbrechens in der Schweiz aufhalte und er nicht an einen anderen Staat ausgeliefert werden kann (dies obwohl Barzani al-Tikriti im Juni 2002 nach Genf zurückgekehrt war und dort nach gewissen Quellen bis im Oktober desselben Jahres blieb);
- dass Völkermord in der Schweiz vor dem Inkrafttreten von Art. 264 des Strafgesetzbuches nicht strafbar war, weil der völkergewohnheitsrechtlichen Definition von Völkermord die Androhung einer genau definierten Strafe fehlte;
- dass Art. 264 des Strafgesetzbuches keine retroaktive Wirkung entfalte.

Entsprechend dem Ersuchen der Verzeiger wurde die Anzeige dem Oberauditor der Schweizer Armee unterbreitet, damit er prüfen könne, ob sie in seinen Kompetenzbereich falle. Mit Entscheid vom 16. April 2003 (in Französisch) entschied der Oberauditor, der Anzeige keine Folge zu leisten. Er hielt fest, dass sich seine Zuständigkeit nur auf Kriegsverbrechen erstrecke, auf die aus dem vorliegenden Sachverhalt jedoch keine Hinweise hervorgingen. Er bestätigte ausserdem die Position der Bundesstaatsanwaltschaft, dass die Schweiz nur ein Strafverfahren eröffne, wenn sich die mutmasslichen Täter auf schweizerischem Territorium aufhielten.

Der Rekurs gegen diesen Entscheid wurde am 22. Dezember 2003 durch einen Entscheid (in Französisch) des Vorstehers des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport abgewiesen. Der Departementschef hielt die Sichtweise aufrecht, dass die Eröffnung eines Strafverfahrens die Anwesenheit des mutmasslichen Täters in der Schweiz voraussetze.

Siehe auch:

- den Artikel von Thierry Meyer (Le Temps) vom 13. Dezember 2002.
- den Artikel von Jon Swain in der Sunday Times vom 15. Dezember 2002.

                                                               *

Im Zusammenhang mit dem Zweiten (1991) und Dritten Golfkrieg (ab Februar 2003) hat die Westschweizer Vereinigung "Solidarité avec les victimes de la guerre contre l'Irak" am 21. März 2003 bei der Bundesstaatsanwaltschaft Strafanzeige gegen George W. Bush, Dick Cheney, Donald Rumsfeld, Colin Powell, Condoleeza Rice, Richard Meyers, Tommy Franks, William Clinton, Tony Blair und Jack Straw eingereicht. Die Anzeige lautete auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord und Kriegsverbrechen.

Die Bundesstaatsanwaltschaft leistete der Anzeige mit Verfügung vom 8. Mai 2003 keine Folge. Sie zog in Erwägung:

- dass der Tatbestand der Verbrechen gegen die Menschlichkeit im schweizerischen Recht nicht existiere und dass für subsidiäre Tatbestände wie z.B. Mord das Weltrechtsprinzip nicht anwendbar sei;
- dass in der Anwendung der Sanktionen gegen den Irak die den Völkermord definierende Absicht der Zerstörung einer Personengruppe nicht vorhanden sei;
- dass sie für die Beurteilung von Kriegsverbrechen nicht zuständig sei;
- dass amtierende Staatsoberhäupter wie G.W. Bush und andere hohe Staatsfunktionäre Immunität geniessen würden.

Ruanda+

Ruanda

Fulgence Niyonteze war Bürgermeister von Mushubati.

Im Jahr 2000 wurde er von der schweizerischen Militärjustiz zu einer 14jährigen Haftstrafe verurteilt, vor allem für seine Rolle in den in seiner Gemeide begangenen Massaker während des Völkermordes von 1994.    

                                                           *

Félicien Kabuga seinerseits hatte mehr Glück. Nachdem er in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt hatte, wurde der Financier des Genozids von den Behörden ausgeschafft. Anstatt ihn zu verhaften, hat man es vorgezogen, ihn ziehen zu lassen. Er ist noch immer auf freiem Fuss.

                                                           *

Zwei weitere in der Schweiz aufgefundene Ruander - Alfred Musema und Emmanuel Rukundo -, die abscheulicher Verbrechen beschuldigt werden, wurden an den internationalen Strafgerichtshof für Ruanda überstellt.

  1. Zum Fall Alfred Musema siehe TRIAL WATCH.
  2. Zum Fall Emmanuel Rukundo siehe TRIAL WATCH.

Somalia+

Somalia

M.G., geboren 1936, war 1969 in Somalia an der Machtübernahme durch das Militär beteiligt. Er wurde Mitglied des Höchsten Revolutionären Rates und belegte später mehrere verantwortungsvolle Posten. Als Vertrauter von Siad Barré war er unter anderem mehrere Male Minister. Seit der Gründung des Gerichts für Nationale Sicherheit 1971 war er zudem dessen Präsident. Auf diesem Posten blieb er bis zum Ende des Regimes Barré am 21. Januar 1991.          

Unter seinem Präsidium verurteilte das Gericht für Nationale Sicherheit z.B. einen Minister, ein Mitglied des Revolutionären Rates und einen hohen Offizier zum Tode, jeweils nach Anklage der Verschwörung gegen die Revolution. Alle Urteile wurden vollstreckt. 1975 wurden von diesem Gericht unter dem Präsidium von M.G. elf Personen zum Tode verurteilt und hingerichtet, weil sie aus politischen und religiösen Gründen Streiks organisiert hatten.

Nachdem er aus Somalia geflohen war, ersuchte er mit seiner Familie in der Schweiz um Asyl. Wegen der Verbrechen, die er begangen hat, wurde M.G. durch Entscheid des Bundesamtes für Flüchtlinge vom 19. Mai 1994 für asylunwürdig eingestuft und aus der Schweiz weggewiesen. Auf seine Beschwerde hin erklärte die Asylrekurskommission, dass M.G. unverjährbare Verbrechen begangen habe, die ihn asylunwürdig machten. Doch da seine Rückkehr nach Somalia eine Gefahr für sein Leben darstellte, wurde M.G. in der Schweiz vorläufig aufgenommen (siehe das Urteil der Asylrekurskommission vom 14. Mai 1994 - in Französisch).

M.G. wurde in der Schweiz nie wegen seiner Verbrechen angezeigt.

Tunesien+

Tunesien

Abdallah Kallel war tunesischer Innenminister. Unter seiner Herrschaft war Folter weit verbreitet. Im Februar 2001 reichte eines seiner Opfer eine Anzeige gegen ihn ein. Abdallah Kallel befand sich im Kantonsspital Genf. Er schaffte es jedoch zu fliehen, bevor man ihn verhaften konnte.

  • Siehe die Strafanzeige gegen Abdallah Kallel vom 14. Februar 2001 (auf Französisch).
  • Siehe auch Pierre Hazans Bericht in der Zeitung "Le Temps" vom 21. Februar 2001 (auf Französisch). 

                                                             *

General Habib Ammar war von 1984 bis 1987 Kommandant der tunesischen Nationalgarde. Nach dem Staatsputsch im November 1987 wurde er zum Innenminister ernannt. Diesen Posten hatte er während eines Jahres inne.

Während seiner Zeit als Innenminister wurden die Räumlichkeiten des Ministeriums zu Haft- und Folterzentren. Die Foltermethoden, welche die Sicherheitsdienste und die Ordnungskräfte während dieser Zeit anwandten, waren besonders brutal und hatten für viele den Tod oder bleibende Schäden zur Folge. Einige Opfer flohen in die Schweiz.

Nach Angaben zahlreicher Menschenrechtsorganisationen ist General Ammar für die systematische Anwendung der Folter im Tunesien der 80er Jahre verantwortlich.

Am 17. September 2003 reichten deshalb TRIAL (Track Impunity Always) und die OMCT (Organisation mondiale contre la torture) beim Generalstaatsanwalt des Kantons Genf Strafanzeige gegen General Ammar wegen Folterhandlungen ein.

Zwei Opfer schlossen sich der Strafanzeige an und forderten ebenfalls die Verhaftung von General Ammar.

Mit Entscheid vom 23. September 2003 trat der Generalstaatsanwalt zwar auf die Anzeige gegen Ammar ein, stellte jedoch fest, dass dieser als Mitglied der tunesischen Delegation bei der Internationalen Union für Telekommunikation funktionelle Immunität geniesse. Der Generalstaatsanwalt stellte folglich das Verfahren ein.

Siehe auch :

- Pressecommuniqué von TRIAL und der OMCT vom 20. September 2003 (auf Französisch)
- Zeitungsartikel (auf Französisch)
- Die Aufforderung zum Rücktritt von Habib Ammar von der Weltkonferenz über die Informationsgesellschaft (auf Französisch)
- Die Stadt Genf ist empört über die Entsendung Habib Ammars an die Weltkonferenz über die Informationsgesellschaft (auf Französisch) 

 

Abgesehen von diesen Fällen hat TRIAL auch einige Dossiers bei der Schweizer Justiz eingereicht.

Diese verfügt jedoch über zu wenige Ressourcen, um internationale Verbrechen wirksam zu verfolgen. Insbesondere gibt es keine Einheit, die auf das Aufspüren von Kriegsverbrechern spezialisiert ist.

TRIAL fordert die Schaffung einer solchen Einheit.

Eine "Abteilung Kriegsverbrechen": Auch in der Schweiz?+

Eine "Abteilung Kriegsverbrechen": Auch in der Schweiz?

Verschiedene Länder haben spezielle Verwaltungseinheiten eingesetzt, die auf das Aufspüren und die Strafverfolgung von mutmasslichen Verbrechern im Sinne des Völkerstrafrechts spezialisiert sind. Resultate liegen vor. Warum wird dies nicht auch in der Schweiz so gehandhabt? TRIAL ist der Ansicht, dass in der Schweiz jetzt, da der Bundesrat den eidgenössischen Räten bald die Botschaft über die Einführung der im Römer Statut enthaltenen Verbrechen vorlegen wird, diese Frage ernsthaft bedacht werden muss. Es geht um die Effektivität, mit der die Schweiz “internationale” Verbrecher zur Rechenschaft zieht.  

Die Strafverfolgung aufgrund bestimmter Verbrechen (Völkermord, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Folter) können nationale Behörden auch dann einleiten, wenn die Verbrechen im Ausland und durch Ausländer an Ausländern begangen wurden. Diese Art der strafrechtlichen Zuständigkeit ist unter dem Stichwort des Weltrechtsprinzips bekannt. In jüngster Zeit wurden auf dieser Basis in verschiedenen Ländern wie der Schweiz, Grossbritannien, Dänemark, Belgien, Spanien, den Niederlanden und Frankreich Strafurteile gefällt. Diese Strafverfahren sind allerdings kompliziert und müssen viele Hindernisse überwinden.  

Die wohl vorrangige Schwierigkeit liegt in der mangelnden Erfahrung der nationalen Strafverfolgungsbehörden mit Auslandtaten. Strafverfahren nach dem Weltrechtsprinzip können entmutigend komplex und kostspielig erscheinen. Die Probleme, die sich stellen, sind zahlreich und stehen im Zusammenhang mit den grenzüberschreitenden Ermittlungen, der Sprachbarriere, dem Verständnis des politischen und historischen Kontextes der Verbrechen, sowie der mangelnden Verfügbarkeit von Beweisen und Zeugen.   Doch trotz dieser Schwierigkeiten wurden solche Verfahren schon in vielen Ländern erfolgreich durchgeführt. In einigen Fällen sind die zuständigen Behörden organisatorisch auf eine seriöse und systematische Untersuchung möglicher Weltrechtsfälle vorbereitet. Denn tatsächlich sind solche Fälle zahlreicher als man annehmen würde.  

Zahlreiche Fälle in Europa  

In einem Beschluss vom 8. Mai 2003 stellte der Rat der Europäischen Union fest, dass die Mitgliedstaaten „regelmäßig mit Personen zu tun [haben], die in derartige Verbrechen verwickelt waren und die versuchen, in die Europäische Union einzureisen und sich dort aufzuhalten.“ Eine englische Zeitung schätzte Anfang Januar 2007, dass sich über 50 mutmassliche Kriegsverbrecher und Folterer in Grossbritannien aufhielten. Einige Länder haben als Reaktion auf diese Situation Verwaltungseinheiten gegründet, die auf die Ermittlung und Strafverfolgung im Zusammenhang mit Völkerrechtsverbrechen spezialisiert sind, worunter auch die Fälle nach dem Weltrechtsprinzip fallen.  

Die Mehrzahl der Verfahren, die in Ländern wie Belgien, den Niederlanden, in Dänemark und in Grossbritannien nach dem Weltrechtsprinzip geführt wurden, betraf Täter, die als Asylsuchende in diese Länder eingereist waren. In einigen Fällen wurden solche Personen von Landsleuten erkannt und angezeigt. Es kann jedoch auch sein, dass Asylsuchende durch ihre Aussagen während des Asylverfahrens den Verdacht auf sich ziehen.  

Art. 1F der Flüchtlingskonvention von 1951 bestimmt, dass Personen vom Asylstatus ausgeschlossen sind, wenn ernsthafte Gründe für den Verdacht bestehen, dass sie ein Verbrechen gegen den Frieden, ein Kriegsverbrechen oder ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Entsprechende Hinweise müssen folglich von den Asylbehörden abgeklärt werden. Diese spielen deshalb auch eine entscheidende Rolle in der Frage, ob die Strafverfolgungsbehörden über die Anwesenheit mutmasslicher Täter in der Schweiz informiert werden.  

“War crimes units”  

In Dänemark, Norwegen, Grossbritannien und den Niederlanden schufen die Migrationsbehörden spezielle Abteilungen, deren Aufgabe es ist, Asyl- und Visagesuche darauf hin zu prüfen, ob die Gesuchsteller möglicherweise in Verbrechen nach Völkerrecht involviert waren. Diese „War crimes units“ erstellen zum Beispiel eine Liste von verdächtigen Personen, die dann mit Listen der Personen verglichen wird, die von internationalen Strafgerichten gesucht werden.  

Die Immigrationsbehörden in den Niederlanden verfügen über einen speziellen Dienst, der nur verdächtige “1F”-Fälle analysiert. Wird das Asylgesuch einer Person abgewiesen, wird das Dossier anschliessend zur vertieften Abklärung an die Strafverfolgungsbehörde überwiesen.  

In Dänemark wurde eine Einheit aus Staatsanwälten und Ermittlern geschaffen, wodurch das Fachwissen der Anklage- mit jenem der Ermittlungsbehörden kombiniert wird. Dadurch kann rasch und kompetent der Entscheid gefällt werden, ob in bestimmten Fällen Ermittlungen notwendig sind. Die dänischen Immigrationsbehörden arbeiten ferner mit dem dänischen Roten Kreuz zusammen, um Flugblätter zu verteilen, die Asylsuchende darauf hinweisen, wo sie Anzeige erstatten können, wenn sie Opfer eines Völkerrechtsverbrechens geworden sind, oder wenn sie Kenntnis von der Anwesenheit eines Täters in Dänemark haben.  

Auch in Grossbritannien wurde vor kurzem im “Immigration and Nationality Directorate” ein spezielles Büro eröffnet, das ausschliesslich dafür zuständig ist, Hinweisen auf mögliche Verbrecher nachzugehen, die als Gesuchsteller im Visa- oder Asylwesen auftreten.  

In Belgien existiert formell gesehen nur eine spezielle Polizeieinheit für solche Angelegenheiten. Doch weil die Strafanzeigen, die sich auf das Weltrechtsprinzip stützen, rasch zugenommen haben, haben mittlerweile auch einige Untersuchungsrichter beachtliche Spezialkenntnisse erworben.  

Bestimmte andere Länder wie Frankreich und Spanien verfügen noch über keine solche speziellen Verwaltungseinheiten. Die Verfahren auf der Basis des Weltrechtsprinzips werden dort vorwiegend über den Mechanismus der zivilen Nebenklägerschaft eröffnet. Doch Nebenkläger haben i.d.R. weder die notwendigen Ressourcen, das Fachwissen, noch die Möglichkeit, Drittstaaten um Rechtshilfe anzufragen. Wie Human Rights Watch in einem jüngeren Bericht festgestellt hat, werden Verfahren nach dem Weltrechtsprinzip, solange sie über die zivile Nebenklägerschaft angehoben werden müssen, immer nur ad hoc und sporadisch geführt werden.  

Und in der Schweiz?  

In der Schweiz wird am 1. Januar 2008 der neue Artikel 98a im Asylgesetz in Kraft treten, der wie folgt lautet:  

Das Bundesamt [für Migration] oder das Bundesverwaltungsgericht übermittelt den zuständigen Strafverfolgungsbehörden Informationen und Beweismittel über Asylsuchende, bei denen ernsthafte Gründe für den Verdacht bestehen, dass sie ein Verbrechen gegen das Völkerrecht, insbesondere ein Verbrechen gegen den Frieden, ein Kriegsverbrechen, ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord oder Folterhandlungen begangen haben.”    

Nach den Informationen von TRIAL funktioniert der Informationsaustausch zwischen den Asyl- und Strafverfolgungsbehörden heute nur mangelhaft. Die Verfahren, in denen Verdachtsgründe aufkommen, führen zwar zur Abweisung des Asylgesuchs, aber nicht immer zur Strafverfolgung.  

TRIAL hat vor kurzem einen Brief an die zuständigen Behörden (Bundesamt für Migration; Bundesverwaltungsgericht; Bundesanwaltschaft; Oberauditorat der Armee) geschrieben, um sie daran zu erinnern, dass sie aufgrund der Genfer Konventionen auch schon heute, vor dem Inkrafttreten des genannten Art. 98a des Asylgesetzes, verpflichtet sind, mutmassliche Kriegsverbrecher aktiv ausfindig zu machen. Die Bundesstaatsanwaltschaft antwortete mit Schreiben vom 30. Januar 2007, dass sie diese Meinung teile. Das Bundesamt für Migration und das Bundesverwaltungsgericht (die Erst- und Rekursinstanz im Asylwesen) haben bis Mitte Februar 2007 noch nicht geantwortet. Das Bundesamt für Migration teilte mit Schreiben vom 16. Februar 2007 mit, dass es seine Praxis sei, solche Fälle den Strafverfolgungsbehörden zu überweisen. Das Bundesverwaltungsgericht hat bis heute (Stand am 21. Februar 2007) noch nicht auf die Anfrage reagiert. 

Ende dieses Jahres sollten im Parlament die Beratungen über das Gesetz zur Umsetzung des Römer Statuts in der Schweiz stattfinden. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Idee für eine „Abteilung Kriegsverbrechen“ in den Räten durchsetzen wird. Es besteht die Gefahr, dass die Einwanderungsländer zur sicheren Häfen für Urheber von Verbrechen nach Völkerstrafrecht werden, wenn sie die Zusammenarbeit und den informationsaustausch zwischen den Immigrations- und Justizbehörden nicht verbessern. Die Erfahrung aus den oben genannten Ländern zeigt, dass spezielle Verwaltungseinheiten sehr gut geeignet sind, die fraglichen Dossiers effizient zu durchkämmen, und die Immigrationsbehörden für das Erkennen von mutmasslichen Verbrechern zu sensibilisieren.  

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